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Kann es eine feministische Netzpolitik geben?

Katharina Mosene und Hannah Lichtenthäler von netzforma* e.V. antworten:

Feministische Netzpolitik - eine Notwendigkeit!

Es gibt sie natürlich, die feministische Netzpolitik - insofern sollte die Frage eher lauten: was tut feministische Netzpolitik eigentlich, warum brauchen wir diese Perspektive und wie kann sie erfolgreich durchgesetzt werden?
Mittlerweile hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass der sogenannte Digital Divide, die digitale Kluft, sich in Diskriminierungskategorien wie Geschlecht, Herkunft, Ethnie, Alter, Be_hinderung, oder Klasse manifestiert. Darüber hinaus spiegeln sich patriarchale Herrschaftsstrukturen der Gesellschaft im digitalen Raum wieder. Eine grundlegende Forderung feministischer Netzpolitik ist deshalb Zugang - zum Internet, zu Inhalten und zur digitalen Öffentlichkeit. Es geht um das Sichtbarmachen marginalisierter Gruppen sowie von Ungleichheitsverhältnissen im digitalen Raum.

Aufbrechen der Diskriminierungsstrukturen

Die grundlegenden feministischen Forderungen gehören in den netzpolitischen Dialog: Frauen*, trans*, nicht-binäre Personen, die LGBTIQA+ und die BIPOC-Community, be_hinderte Menschen oder anders marginalisierte Gruppen müssen Zugang auf allen Ebenen bekommen: als Entscheider*innen, Programmierer*innen und Nutzer*innen. Denn Technologie ist nie neutral und das Internet nicht für alle gleich. Sich überlappende Diskriminierungsformen müssen wir strukturell aufbrechen, um Ausschlüsse durch Rückzugsmechanismen oder Silencing (1) zu verhindern, die als Folge von digitaler Gewalt (2) wie Hate Speech (3) oder Überwachung (4) entstehen. Das betrifft auch Künstliche Intelligenz (KI), denn auch hier reproduzieren sich diskriminierende Stereotype in den Code (5) wie z.B. in Fällen von biometrischer Gesichtserkennung (6) oder autonomen Fahrzeugen (7) bekannt ist.

Feministische Netzpolitik bricht hegemoniale Wissenshierarchien auf und schafft alternative Szenarien für eine gleichberechtigte und diskriminierungsfreie digitale Welt für alle. Sei es durch Hashtag-Aktivismen, wie #aufschrei, #metoo oder #blacklivesmatter, künstlerisch-aktivistische Arbeiten wie Digital Identities Feminist Futures von Nushin Yazdani, das Feminist Data Set von Caroline Sinders oder die Feminist Principles of the Internet.

 

netzforma* e.V. ist der Verein für feministische Netzpolitik, im Januar 2018 gegründet, aus der AG Feministische Netzpolitik hervorgegangen. Aktivist*innen aus verschiedensten Kreisen arbeiten bei netzforma* gemeinsam aktiv an einer feministischen Durchdringung von Netzpolitik zu Themen wie Zugang zu und Teilhabe am Netz, KI und Algorithmen oder Datenschutz.

Das Forum kommentiert:

Warum hat die feministische Perspektive in der Netzpolitik eine Relevanz für das Engagement, mögen sich jetzt manche fragen. Das die Digitalisierung das Potential hat, neue Gräben in die Gesellschaft zu schlagen oder bereits existierende zu vertiefen, hat nicht zuletzt die Corona-Pandemie gezeigt. Bildungsungleichheiten, ungleicher Zugang zu technischer Infrastruktur und zu Kompetenzen haben sich verschärft. Und genauso zeigt die Anwednung von digitalen Technologien, dass sie bestimmte Gruppen diskriminieren. Um ein tiefes Verständnis über die Digitalisierung zu erlangen, sind wir der Meinung, dass das Wissen und die Sensibilisierung für solche Themen wichtig für die engagierte Zivilgesellschaft ist. Ein Ziel des Forum Digitalisierung und Engagement ist schließlich, dass die Bürgergesellschaft mit all ihren gemeinnützigen Organisationen gegenüber Staat und Wirtschaft bei der Gestaltung des digitalen Wandels selbstbewusster, kritischer und kompetenter wird, um die Chancen der Digitalisierung für die eigene Organisation und somit für das Gemeinwohl der Gesamtgesellschaft erkennen zu können und anschließend zu nutzen.

Jetzt sind Sie gefragt: Was ist Ihre Meinung?

Kann es eine feministische Netzpolitik geben und braucht es diese überhaupt? Diskutieren Sie jetzt mit uns und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren zu dieser Frage! Wir freuen uns über einen kurzen Kommentar über das Kommentarfeld am Anfang dieser Seite.

 

Quellen:

(1) Daniel Geschke, Anja Klaßen, Matthias Quent, Christoph Richter: Hass im Netz – Der schleichende Angriff auf unsere Demokratie,
IDZ Jena (2019), https://www.idz-jena.de/fileadmin/user_upload/_Hass_im_Netz_-_Der_schleichende_Angriff.pdf , 28.
(2) Siehe bff 2020, Digitale Gewalt: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/
(3) siehe No Hate Speech: https://no-hate-speech.de/de/wissen/
(4) Vgl. Anne Roth, CCC Congress, Dezember 2018: https://media.ccc.de/v/35c3-10023-stalking_spy_apps_doxing_digitale_gewalt_gegen_frauen#t=549 und beim CCC Camp im August 2019 https://media.ccc.de/v/Camp2019-10346-was_tun_gegen_digitale_gewalt_gegen_frauen#t=159.
(5) Vgl. z.B. Nicole Shepard: Was hat Überwachung mit Sex und Gender zu tun?, 2017b. In: Denknetz-Jahrbuch 2017 - Technisierte Gesellschaft, 108 - 116 http://www.denknetz.ch/wp-content/uploads/2017/11/Jahrbuch_2017.pdf
(6) Studie des National Institute of Standards and Technology hier: https://www.nist.gov/news-events/news/2019/12/nist-study-evaluates-effects-race-age-sex-face-recognition-software , Interessanter weiterer Befund: false positives for African American Females.
(7) Siehe Nicole Shephard (2016): "5 reasons why Surveillance is a feminist issue”: https://blogs.lse.ac.uk/gender/2016/06/02/5-reasons-why-surveillance-is-a-feminist-issue/

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